Netzsteuerung wird zur zentralen Aufgabe der Energiewende
Mit dem Fortschreiten der Energiewende verändert sich auch die Bedeutung dynamischer Netzentgelte und damit auch die Anforderungen an das Stromsystem grundlegend. Der stetige Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere der Photovoltaik, führt zu einer zunehmend volatilen Stromerzeugung. Gleichzeitig wächst der Stromverbrauch durch Elektromobilität, Wärmepumpen und neue industrielle Anwendungen. Diese Entwicklungen erhöhen den Druck auf die Stromnetze, vor allem auf die Verteilnetze.
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1. Energiewende stellt Stromnetze vor neue Herausforderungen
Bisher reagiert das System vor allem mit klassischem Netzausbau. Neue Leitungen, Transformatoren und Netzverstärkungen sollen Engpässe vermeiden und Versorgungssicherheit gewährleisten. Diese Maßnahmen sind jedoch kostenintensiv, zeitaufwendig und stoßen häufig auf Akzeptanzprobleme. Vor diesem Hintergrund gewinnen alternative Ansätze zur Netzsteuerung an Bedeutung.
2. Dynamische Netzentgelte als neues Steuerungsinstrument
Dynamische Netzentgelte setzen genau an dieser Stelle an. Anders als klassische, statische Netzentgelte bilden sie den tatsächlichen Zustand des Netzes ab. Zeit- und netzzustandsabhängige Preise signalisieren, wann Stromverbrauch aus Netzsicht sinnvoll ist und wann Engpässe drohen. Verbraucher erhalten damit konkrete wirtschaftliche Anreize, ihren Verbrauch flexibel anzupassen.
Netzentgelte entwickeln sich dadurch von einem rein administrativen Kostenbestandteil zu einem aktiven Steuerungsinstrument. Sie ergänzen technische Maßnahmen im Netzbetrieb um marktwirtschaftliche Signale und ermöglichen eine effizientere Nutzung vorhandener Infrastruktur.
3. Grids & Benefits untersucht die Praxisfähigkeit
Ob und wie dynamische Netzentgelte unter realen Bedingungen funktionieren, untersuchte das Innovationsprojekt „Grids & Benefits“. Ziel war es, die Wirkung dynamischer Preissignale auf Verbraucherverhalten, Netzauslastung und Systemkosten praxisnah zu analysieren.
Im Fokus standen Anwendungen mit hohem Flexibilitätspotenzial. Dazu zählen insbesondere Elektrofahrzeuge, deren Ladevorgänge zeitlich verschoben werden können, ohne Komfortverluste für die Nutzer zu verursachen. Auch weitere flexible Verbraucher und Speicherlösungen wurden in die Betrachtung einbezogen.
4. Elektromobilität als Hebel für Flexibilität
In der Pilotphase erhielten öffentliche Ladepunkte sowie private Haushalte dynamische Netzentgelte, die viertelstundenscharf im Voraus kommuniziert wurden. Die Preise orientierten sich an der erwarteten Netzauslastung und machten Engpässe sowie freie Kapazitäten transparent. Dadurch wurde auch die Bedeutung dynamischer Netzentgelte für die Steuerung der Stromnetze nachvollziehbar.
Intelligente Ladelösungen nutzten diese Informationen automatisiert. Ladevorgänge verlagerten sich gezielt in Zeitfenster mit niedriger Netzbelastung. Die Ergebnisse zeigen, dass dynamische Netzentgelte auch im Alltag umsetzbar sind und keine manuelle Steuerung durch die Nutzer erfordern.
5. Messbare Effekte auf Netze und Kosten
Die Auswertung der Pilotphase belegt deutliche Effekte. Lastspitzen gingen spürbar zurück, während sich die Auslastung der Netze gleichmäßiger verteilte. Dadurch ließen sich kritische Belastungssituationen entschärfen und der Bedarf an kurzfristigen Eingriffen in den Netzbetrieb reduzieren.
Gleichzeitig profitierten die teilnehmenden Verbraucher von niedrigeren Kosten. Die Kombination aus finanziellen Vorteilen und automatisierter Steuerung führte zu einer hohen Akzeptanz der dynamischen Netzentgelte.
„Dynamische Netzentgelte machen Netzengpässe transparent und setzen klare wirtschaftliche Anreize, Flexibilität dort bereitzustellen, wo sie systemisch gebraucht wird“, sagt Johanna Bronisch, sie ist Projektverantwortliche bei UnternehmerTUM.
Die Aussage verdeutlicht, dass Verbraucher eine aktive Rolle im Stromsystem übernehmen können. Statt passiver Abnehmer werden sie zu Akteuren, die mit ihrem Verhalten zur Stabilisierung der Netze beitragen, ohne Einschränkungen im Alltag hinnehmen zu müssen.
6. Technische Voraussetzungen und regulatorische Fragen
Trotz der positiven Ergebnisse bleibt der flächendeckende Einsatz dynamischer Netzentgelte anspruchsvoll. Erforderlich sind leistungsfähige IT-Systeme, präzise Lastprognosen und standardisierte Schnittstellen zwischen Netzbetreibern, Energieversorgern und Endkunden.
Hinzu kommt ein erheblicher regulatorischer Anpassungsbedarf. Das bestehende Netzentgeltregime in Deutschland basiert weitgehend auf statischen Modellen. Zeit- und netzzustandsabhängige Preissignale finden bislang kaum Berücksichtigung. Für einen breiten Rollout braucht es daher einen klaren Rechtsrahmen, der Innovation ermöglicht und soziale Ausgewogenheit sicherstellt.
7. Perspektiven für ein zukunftsfähiges Stromsystem
Langfristig könnten dynamische Netzentgelte einen wichtigen Beitrag zur Senkung der Systemkosten leisten. Statt den steigenden Flexibilitätsbedarf ausschließlich durch Netzausbau zu decken, lassen sich vorhandene Spielräume gezielt nutzen.
Die Erfahrungen aus „Grids & Benefits“ zeigen, dass sich Energiewende, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden lassen. Dynamische Netzentgelte schaffen die Grundlage für ein Stromsystem, das nicht nur leistungsfähig, sondern auch anpassungsfähig ist.

